Tanz mit Bruce #2 - Thurgauer Nachwuchsatelier für Bildende Kunst
24.04.-29.05.2010
mit Katharina Anna Wieser, Sandra Kühne, Karin Schuh und Katrin Hotz.
Pressetext:
Tanz mit Bruce #2 in der Shedhalle im Eisenwerk
Am 24. April eröffnet der Verein neuer shed in der Shedhalle im Eisenwerk in Frauenfeld die diesjährige Ausstellung des Thurgauer Nachwuchsateliers für bildende Kunst, Tanz mit
Bruce #2. Dieses Jahr wurden die Künstlerinnen Katrin Hotz (Biel), Sandra Kühne (Zürich), Karin Schuh (Zürich) und Katharina Wieser (Basel) eingeladen, um ein eigenes Ausstellungskonzept für die Räume des neuen shed zu entwickeln.
Das Stipendium des Thurgauer Nachwuchsateliers wird jährlich ausgeschrieben und wendet sich direkt an KunsthochschulabsolventInnen. In Anlehnung an die künstlerische Arbeit von Bruce Nauman werden junge Künstler aufgerufen, sich als Gruppe zu formieren und innerhalb einer vierwöchigen Atelierzeit ein Gruppen- und Ausstellungskonzept zu konzipieren. Neben der Möglichkeit, relativ kurz nach Abschluss der Ausbildung eine eigene Ausstellung zu realisieren, ermöglicht das Thurgauer Nachwuchsatelier den KünstlerInnen den Dialog mit Künstlern, Kunstwissenschaftlern oder Kuratoren. In Arbeitsgesprächen sollen die eigenen künstlerischen Positionen kritisch beleuchtet werden und, wenn möglich, neue Strategien und Ausstellungsformate entwickelt werden.
Seit dem 29. März arbeiten die Künstlerinnen in ihrem neuen temporären Atelier, der Shedhalle. Durch das Aufeinandertreffen unterschiedlicher künstlerischer Sprachen, Inhalte und Arbeitsweisen entsteht ein Experimentierfeld, in dem neue künstlerische Positionen ausgelotet werden können. Entstanden ist keine Gruppenarbeit, doch im fortlaufenden Diskurs und durch die Auseinandersetzung mit dem Schaffen der anderen haben sich gemeinsame Anknüpfungspunkte und Überschneidungen, aber auch Gegensätze und Abgrenzungen herauskristallisiert.
Katharina Wieser hat eine begehbare, raumdurchquerende Installation entwickelt, die die gewohnte Raumdramaturgie der Shedhalle nicht nur aus den Angeln hebt, sondern auch vom Boden löst. Indem Katharina Wieser die alten Holzdielen der Shedhalle, die normalerweise den ehemaligen Standpunkt der Maschinen in der Fabrikhalle markieren, von ihrem Grund löst, werden diese im wahrsten Sinne des Wortes aufs Podest gehoben und als Parkett geadelt. Die im Zickzack verlaufende Holzrampe ermöglicht nicht nur unerwartete und ungewohnte Sichtweisen auf die Halle, sondern rückt auch die Werke der drei anderen Künstlerinnen in eine neue Perspektive. So können die grossformatigen Bilder von Karin Schuh, die sich an der Stirnseite der Shedhalle befinden von verschiedenen Höhen und Perspektiven betrachtet werden. Bei diesen Arbeiten auf Papier handelt es sich um die malerische Auseinandersetzung mit Schmetterlingen und Faltern im weitesten Sinne. Körper werden nur angedeutet, im Mittelpunkt steht die Ambivalenz und Widersprüchlichkeit der gemalten Formen. Der Wechsel zwischen Transparenz und Körperlichkeit, von beinahe durchsichtigen und deckenden Farbschichten lässt Figuren erahnen, doch geht es nicht um das Abbilden konkreter Wesen, sondern vielmehr um deren inhärente Auflösung und Vergänglichkeit.
Eine weitere Arbeit von Karin Schuh, die direkt auf die Wand der Shedhalle aufgetragen wurde, trägt den Titel „Schmetterling“. Vergleichbar mit den Flügeln eines Schmetterlings, die letztendlich aus Staub bestehen handelt es sich hier um eine Arbeit aus Staub. Das Flüchtige, Vergängliche, Fragile ist hier nicht nur visuell erfahrbar, sondern auch konkret erfassbar, handelt es sich doch um eine Art Streichelbild. Fährt der Betrachter mit dem Finger über die Wand, so ertastet er den Staub, er greift direkt in das Bild ein, es zerrieselt unter seinen Fingern wie ein Schmetterlingsflügel.
Staub findet sich auch in den Arbeiten von Katrin Hotz. Mittels Diaprojektor zeigt sie eine Auswahl von 80 Bildern, die nicht nur in der Natur, sondern direkt von der Natur erschaffen wurden. So sind diese Bilder weder gezeichnet, noch fotografiert, sondern es handelt sich um Ablagerungen wie Blütenstaub, Samenhülsen, Schimmel und Staub, aber auch Regen und Schnee, die sich im Laufe der Zeit auf ausgelegten Diarahmen gesammelt haben. Dieser Prozess ist fortwährend, selbst während der Ausstellungsdauer werden sich neue Ablagerungen auf den Dias festsetzen, es werden sich neue Schimmel- und Stockflecken bilden, so dass sich diese Arbeit beständig im Wandel befindet. Je nach Auslegeort und Beschaffenheit der Ablagerungen entstehen individuelle und einzigartige Bilder, die Katrin Hotz für diese Projektion nach zeichnerischen Kriterien ausgewählt hat.
Parallel zu der Diaprojektion zeigt Katrin Hotz eine Serie von Zeichnungen, die ähnlich wie die Ablagerungen schichtweise und prozesshaft entstanden sind. In alten Notizbüchern, die Katrin Hotz von ihren Reisen mitbringt, führt sie eine Art gezeichnetes Tagebuch. Doch werden diese „Einträge“, also Zeichnungen, immer wieder aufs neue hervorgeholt und überzeichnet, so bauen sich die Zeichnungen aus mehreren Schichten auf. In diffusen Überlagerungen, Ausblendungen von Hintergründen, dem Heranzoomen und der Auslagerung von Fragmenten setzen sich so beständig neue Erinnerungen zusammen. Somit untersucht das Projekt die unbewussten Ebenen der Wahrnehmung, denn auch Bilder und Begebenheiten, die nicht mehr bewusst präsent sind, können nach Jahren als Fundstücke der Erinnerung neuentstehende Zeichnungen beeinflussen.
Die Ausblendung von Hintergründen und die Auslagerung von Fragmenten thematisiert auch Sandra Kühne mit ihren beschnittenen Landkarten. Indem sie Stadtpläne, Landkarten und Schulweltkarten nach unterschiedlichen Kriterien beschneidet und gängige Kartographierungssysteme auflöst, weist Sandra Kühne auf den Widerspruch zwischen mentalen und realen Landkarten hin. Denn wie Franz Xaver Baier postuliert, hat jeder Mensch unsichtbare Landkarten im Kopf mit denen er sich seine persönliche Orientierung herstellt. Durch das Ausblenden menschlicher Orientierungssysteme wie Massstabsangaben, Städtenamen, Staats- und Landesgrenzen gerät unsere mentale Landkarte ins Wanken, wir verlieren die Orientierung und suchen nach letzten Anhaltspunkten, die uns Aufschluss über die Landkarte geben könnten. Durch die serielle Hängung der Karten, die ein regelrechtes Durchschreiten ermöglichen, wird nicht nur der Widerspruch zwischen künstlichen Kartographierungssystemen, wie die Einteilung der Weltkugel in Längen- und Breitengrade, und natürlicher Orientierungshilfen, wie Gebirge und Seen, kleinerer und grösserer Wasserläufe, offenbar, sondern gleichzeitig entsteht so aus alten Schullandkarten ein Raum abstrakter Muster und Ornamente von ästhetischer Qualität. (Katja Baumhoff)
Das Projekt wird grosszügig unterstützt von der Ernst Göhner Stiftung, der Stadt Frauenfeld, vom Kulturamt des Kantons Thurgau, von der Dr. Heinrich Mezger Stiftung und vom Jubiläumsfond der Thurgauer Kantonalbank.
Weitere Infos zu den Künstlerinnen:
Katharina Anna Wieser
Sandra Kühne
Karin Schuh
Katrin Hotz

